Entstehung

Idee und Bedarf

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene geniessen in der Schweiz eine solide und gute Verkehrsbildung. Je nach Region gestaltet sich diese aber in Inhalt und Umfang unterschiedlich und wird von zahlreichen Akteuren geprägt. Ein übergeordneter Bildungsplan bzw. ein gemeinsamer Bezugsrahmen, wie sonst in der Bildungslandschaft üblich (z. B. Lehrplan der Schulen), existiert bislang nicht. Die Akteure (z. B. Verkehrsinstruktion der Polizei) verfolgen eigene Bildungspläne, die in sich stimmig und gut sind. Die verschiedenen Bildungspläne sind jedoch gegenseitig selten bekannt. Es ist deshalb naheliegend, dass die verschiedenen Unterrichtsmodule, insbesondere bei Übergängen, nicht immer optimal aufeinander aufbauen oder dass Lücken nicht immer erkannt werden.

Entsprechend ist bei diversen Anbietern eine gewisse didaktische Unsicherheit spürbar. Es wird oft und übereinstimmend berichtet, dass kaum Kenntnisse über die vorangehenden wie auch die nachfolgenden Bildungsinhalte/-massnahmen vorhanden sind und es deshalb schwierig ist, die eigenen Lerninhalte harmonisch und aufbauend in die gesamte Verkehrsbildung einzufügen. Fragen wie «Worauf kann inhaltlich aufgebaut werden? Was ist den Kindern/Jugendlichen schon bekannt, welche Kompetenzen können vorausgesetzt werden?» bleiben bislang unbeantwortet.

Dass dies in einem so wichtigen Bildungsbereich möglich ist, erstaunt: Die Verkehrsteilnehmenden, sei es als Fussgänger, Velofahrer oder Führer eines motorisierten Fahrzeugs begegnen sich im selben Verkehrsraum, ihr Umgang miteinander unterliegt Regeln, die weitestgehend für alle gleich gelten. Was liegt näher, als die Bildung in diesem unfallbelasteten sozialen Begegnungsfeld als zusammenhängendes Kontinuum, als ein einziges Bildungsprojekt zu verstehen?

Ein Blick über die Landesgrenze zeigt, dass aktuelle Massnahmen zur Verbesserung der Verkehrsbildung allesamt in dieselbe Richtung weisen: Koordination der bestehenden Bildungsmassnahmen, kontinuierlicher Aufbau der für die Verkehrsteilnahme nötigen Kompetenzen, aufeinander aufbauende Bildungspläne usw.

Mit dem Kompetenzkatalog Verkehrsbildung wird ein Instrument vorgelegt, das in der Schweiz die folgenden Ziele anstrebt:

  • bessere Koordination der Bildungstätigkeiten der verschiedenen Akteure bzw. lückenloserer Aufbau der Verkehrsbildung durch gemeinsamen inhaltlichen Referenzrahmen (mit sämtlichen methodischen Freiheiten)
  • didaktische Sicherheit beim Erstellen oder Überarbeiten von Bildungsangeboten/-programmen oder Lehrmitteln für die gesamte Verkehrsbildung vom Kindes- bis ins Seniorenalter.

Dies führt zu einer verbesserten Qualität der Verkehrsbildung, was künftig einen zusätzlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmenden leisten soll.

Bedeutung des Kompetenzkatalogs

Der vorliegende Kompetenzkatalog ist als Referenzrahmen zu verstehen, er hat keine rechtliche Verbindlichkeit. Er bietet eine inhaltliche Orientierungshilfe, ohne regionale Besonderheiten oder die Methodenvielfalt einschränken zu wollen. Wünschenswert wäre, wenn er bei einer Neukonzeption oder Überarbeitung von Modulen der Verkehrsbildung konsultiert würde und entsprechend eine Abstimmung der Inhalte über die verschiedenen Module hinweg stattfinden könnte.

Vorgehen bei der Entwicklung

Partizipation der Partnerorganisationen

Oberste Priorität bei der Entwicklung des vorliegenden Kompetenzkatalogs hatte die Partizipation: Alle in der Verkehrsbildung aktiven Organisationen aus der ganzen Schweiz waren eingeladen bei der Erarbeitung des Kompetenzkatalogs mitzuwirken. In drei Arbeitsgruppen (Vorschule/Primarstufe, Sekundarstufen I und II, Fahrausbildung) wurde das Fachwissen der verschiedenen Akteure der Verkehrsbildung abgeholt, wurden Entwürfe diskutiert, wegweisende Entscheide getroffen und wurde so das Verständnis hinsichtlich eines sinnvollen Aufbaus der Verkehrsbildung auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.

Nebst dem übergeordneten Prinzip der Partizipation wurde der Kompetenzkatalog anhand folgender Grundlagenarbeiten entwickelt:

Dokumentenanalyse

Ein breiter Fundus an verschiedenen Projektbeschrieben, Bildungsplänen, Lernzielsammlungen, Lektionenskizzen usw. aus dem In- und Ausland wurde analysiert und die darin beschriebenen Kompetenzen wurden herausgefiltert und gruppiert.

Der Einbezug von wissenschaftlichen Arbeiten, Studien und Modellen [1] gewährleistete eine professionelle, evidenzbasierte Bestimmung der Lerninhalte über die Altersstufen hinweg (didaktische Auswahl).

Einbezug der polizeilichen Unfallstatistik

Ebenfalls beigezogen wurde die Statistik der Polizei zum Unfallgeschehen pro Altersstufe und Verkehrsmittel. Die daraus hervorgehenden häufigsten Mängel (Unfallursachen) dienten zur Gewichtung anzustrebender Kompetenzen.

Validierung durch Experten

Die Formulierung der Kompetenzen wurde sowohl durch wissenschaftliche Experten als auch durch Fachexperten der (Verkehrs-)Bildung geprüft.

Konsultation

Zur Erhöhung der Qualität und Praxistauglichkeit wurde der fertig erarbeitete Kompetenzkatalog im Herbst 2014 in eine breite Konsultation gegeben (siehe Liste Konsultationsteilnehmende). Die Rückmeldungen wurden eingearbeitet und der so finalisierte Kompetenzkatalog 2015 allen Akteuren der Verkehrsbildung und weiteren Interessierten zur Verfügung gestellt.

[1] Quellen:

Kompetenzorientierung

Verkehrsbildung erfolgt im Wesentlichen in zwei Bildungskontexten: während der obligatorischen Schulzeit und während der Vorbereitung auf die Führerscheinausbildung. Der vorliegende Kompetenzkatalog trägt dieser Tatsache Rechnung, indem er sich den Bildungskontexten ideologisch und strukturell weitgehend anpasst. Dies beinhaltet u. a. auch die Übernahme des Konzepts der Kompetenzorientierung.

Zum Kompetenzbegriff

(Quelle und weitere Informationen: Projekt Lehrplan 21, www.lehrplan.ch, 14.07.2014)

Der Kompetenzbegriff signalisiert, dass Lernen mehr beinhaltet als die reine Verfügbarkeit von Wissen. Es reicht also nicht aus, ein bestimmtes Thema zu behandeln und Wissen abzurufen. Vielmehr schliesst der Kompetenzbegriff auch das Anwenden des Wissens und den Lerntransfer in den komplexen Alltag mit ein. Nebst dem Wissen werden demnach auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten ins Zentrum der Bildung gesetzt. Kompetenzorientierung betont in diesem Sinne die Ganzheitlichkeit des Lernens: Wissen, Können – und – Wollen. Denn Wissen und Können alleine nützen nichts, solange der Wille zur Anwendung beim Individuum nicht vorhanden ist.

Lernende sind u. a. dann kompetent, wenn sie

  • über Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Lösen von Problemen und zur Bewältigung von Aufgaben verfügen;
  • auf vorhandenes Wissen zurückgreifen bzw. sich das notwendige Wissen beschaffen können;
  • ihr Tun zielorientiert planen und in der Durchführung angemessene Handlungsentscheidungen treffen;
  • fähig sind, ihre Kompetenzen auch in Zusammenarbeit mit anderen und mit Rücksicht auf andere einzusetzen.

Kompetenzorientierung in den neuen sprachregionalen Bildungsplänen der Volksschule

Lehrplan 21

Im Lehrplan 21 werden die Ziele in Form von Kompetenzen beschrieben. So wird transparent, verständlich und nachvollziehbar dargestellt, was die Schülerinnen und Schüler wissen, können und anwenden sollen.

Plan d’études romand

Der Plan d’études romand (PER) formuliert Lernziele, wobei jedes Lernziel durch verschiedene Teilziele präzisiert wird. Die Teilziele fokussieren jeweils auf Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und auch Werte/Haltungen. Parallel dazu werden sogenannte transversale Fähigkeiten gefördert. Diese breite Auslegung des Lernzielbegriffs deckt sich weitgehend mit dem Kompetenzbegriff.

Piano di studio

Im piano di studio der italienischen Schweiz wird sowohl bei den fünf von HarmoS definierten Themenbereichen als auch bei der Allgemeinbildung und den transversalen Kompetenzen der Kompetenzbegriff verwendet.

Kompetenzorientierung in der Berufsbildung

In der Berufsbildung orientieren sich die neueren Verordnungen und Bildungspläne schon seit längerer Zeit an Kompetenzen. Das Konzept ist dort breit akzeptiert, wird bei allen beruflichen Grundausbildungen (eidg. Fähigkeitszeugnis resp. Attestausbildung) eingesetzt und hat sich in diesem Kontext sehr bewährt.

Kompetenzorientierung im Entwurf zur neuen Fahrausbildung

Der im Projekt OPERA-3 (Optimierung der ersten Ausbildungsphase) erarbeitete Entwurf einer neu gestalteten Fahrausbildung (erste Phase bis zur praktischen Prüfung, zweite Phase bis zum definitiven Führerschein nach der dreijährigen Probephase) ist konsequent auf den Erwerb von Kompetenzen ausgelegt. In Bezug auf die in der Verkehrszulassungsverordnung formulierten Inhalte der theoretischen und praktischen Fahrprüfung werden die fachlichen, methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen aufgeführt, die in der Fahrausbildung erworben werden und deren Anwendung schliesslich geprüft wird.

Kompetenzorientierung in der Verkehrsbildung

Die Verkehrsbildung ist ein Paradebeispiel für die Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit des kompetenzorientierten Unterrichts. Im Setting Verkehr wird klar: Das reine Wissen – beispielsweise über Verkehrsregeln – nützt nichts, solange die Verkehrsteilnehmenden sich nicht daran halten, dieses Wissen im Verkehrsalltag nicht anwenden (wollen) und sich nicht entsprechend verhalten. Es ist deshalb in der Verkehrsbildung schon eine verbreitete Tradition, kompetenzorientierte Bildung zu betreiben. Das Beispiel der Verkehrsinstruktion verdeutlicht dies: Kinder lernen die Regel zum Überqueren des Fussgängerstreifens kennen, üben deren Anwendung erst im Schonraum und dann im realen Strassenverkehr.